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Es ist ein früher Morgen im Dorf Kujama. Hier lebt die arme Landbevölkerung. Direkt neben der Siedlung mit etwa 400 Haushalten beginnt eine öde Landschaft, die in weiten Teilen an aktive Vulkanlava erinnert. Unterirdische Feuer haben ein ehemals fruchtbares, stark bewaldetes und saftig grünes Land in eine schwarze und gefährliche Wüste verwandelt.
In der Region Dhanbad, die mit weiteren 24 anderen Bezirken das Bundesland Jharkhand bildet, liegt der Landstrich Jharia. Er ist reich an Kohlevorkommen, seit fast einhundert Jahren wird hier Kohle von bester Qualität abgebaut. Erstmals erwähnt wird der Abbau im Jahre 1916, als König Raja Shiv Prasad Singh Land für Bergbau verpachtete. In den 1970er Jahren wurden die Minen verstaatlicht, die Firma Bharat Cooking Coal Ltd. (BCCL) übernahm die Leitung. Einem Bericht der Umweltschutzorganisation Greenpeace zufolge begannen damals auch Arbeiten im Tagebau, um Kosten zu sparen. In den ausgeschöpften und verlassenen Minen konnten sich die Flöze durch den Kontakt mit der Atmosphäre zu Feuern entzünden, die sich seitdem auch unterirdisch weiter ausbreiten.
Unter schwierigsten Bedingungen versuchen die schätzungsweise 150.000 Bewohner dieses Landstriches zu überleben. Die meisten sind illegale Kohlesammler oder arbeiten direkt für die Minen oder deren Zulieferer.
Nirmala Devi, 32, kratzt, wie viele andere Frauen auch, ab fünf Uhr morgens für etwa zwei Stunden mit einem kleinen Eisenstab Kohlebrocken aus dem harten Boden – dann muss sie aufhören, nach Sonnenaufgang ist es für die Arbeit zu heiß. Selbst im Februar, dem kältesten Monat in Indien, kann der Boden noch immer bis zu fünfzig Grad heiß sein. Auf dem Markt verkauft Nirmala Devi einen Korb Kohle für etwa 50 Rupien (ca. 1,20 US-Dollar).
Andere, wie auch Nirmala Devis Ehemann, warten auf die LKW, die die Minenabfälle zu den umliegenden Halden bringen und versuchen, darin noch Verwertbares zu finden.
Dr. T. N. Singh ist Präsident des Zentrums für umweltfreundliche Bergbaualternativen und pensionierter Wissenschaftler des in Dhanbad ansässigen Zentralen Planungs- und Ausbildungsinstituts. Im Rahmen seiner Arbeiten hat er die Untergrundfeuer ständig beobachtet. Inzwischen verschlingen seine Bemühungen, die Behörden zu überzeugen gegen die Feuer etwas zu unternehmen, einen Großteil seiner Zeit. Auf einem Satellitenbild im Regal seines Büros sieht man deutlich die Dunstglocke aus Kohlenmonoxid und Verbindungen aus Schwefel und Stickstoff über Dhanbad.
Glaubt man BCCL, sind heute im Bezirk Dhanbad über eine Ausdehnung von fast neun Quadratkilometern 67 Feuerzonen aktiv. Zehn davon wurden in den letzten drei Jahrzehnten gelöscht. Im Dorf Kujama frisst sich das Feuer fünf bis sechs Meter im Monat voran – es ist nur noch ein paar hundert Meter von der Siedlung entfernt.
Dasi Paswan, 45, eine weitere Bewohnerin des Dorfes, berichtet, in ihrer Hütte sei es inzwischen so heiß, dass man sich nicht mehr länger darin aufhalten könne. Wäsche und selbst Kuhdung könne sie direkt auf dem Boden trocknen, und Wasser, das man an die Wände schüttet, verdampfe sofort; barfuß gehen sei unmöglich. Sie selbst bekomme Kopfschmerzen und ihre Schwiegertochter falle regelmäßig in Ohnmacht. Die Familie – sie selbst, ihre beiden Söhne und deren Familien – schläft mittlerweile im Hof des Hauses.
Der Boden kann jederzeit nachgeben. So wie es vor drei Jahren passiert ist. Damals lebte ihr Mann noch. Er besaß einen Getränkeladen, mit dem sie gute Einkünfte erzielten. Sogar den Schaden durch einen Erdrutsch konnten sie bezahlen, immerhin 60.000 Rupien (etwa 1.500 US-Dollar). Inzwischen ist das Gebäude mitsamt dem Laden zusammengebrochen. Und ihr Mann ist tot.
Narendra Kumar Singh ist technischer Leiter der Aufsichtsbehörde für Sanierung und Entwicklung in Jharkhand, die verantwortlich ist für die Umsiedelung der Dorfbewohner aus den am meisten gefährdeten Gebieten. Singh führt eine Liste, in der zerstörte Gebäude und Tote seit dem Jahr 1965 bis heute aufgelistet werden – mit ungefähr 600 Gebäuden und mehr als 400 Toten.
Auch Gayatri Devis Enkelin steht auf dieser Liste – Jyoti Kumari, 15 Jahre. Sie verschwand eines Morgens im Jahr 2008, als sie auf die Felder ging, um sich – wie das hier üblich ist – zu erleichtern. Der Boden muss nachgegeben haben, sie fiel in eines der Feuerlöcher und verbrannte darin.
Solange Menschen gezwungen sind, in solchen lebensfeindlichen Umgebungen zu leben, werden Ärzte wie Dr. Rajiv Agarwal auch in Zukunft viel Arbeit haben. Agarwal ist sich sicher, dass für die meisten Krankheitsfälle in dieser Region der Kohlenstaub und die toxischen Gase der Feuer verantwortlich sind. Die Rußpartikel führen zu Krankheiten mit Atemwegsproblemen, zu Bronchitis, Tuberkulose und irreparablen Schäden. Seine Vergleiche mit anderen Wohngebieten, in denen keine Kohle abgebaut wird und keine Feuer lodern, zeigen: Die Lebenserwartung in dieser Region ist drastisch reduziert.
In einem von BCCL als besonders gefährlich eingestuften Dorf mitten im Minengebiet, trinkt Abdul Jhabad vor Schichtbeginn gerade seinen ersten Tee: “Ich weiß, dass dies hier eines der gefährlichsten Gebiete zum Leben ist. Die Leute leiden unter Bronchitis und Tuberkulose. Man muss wegziehen, um das zu heilen. Durch die unterirdischen Feuer kann der Boden unter unseren Häusern einstürzen, und wir können sterben. Außerdem mangelt es uns an Trinkwasser und Elektrizität.” Manchmal möchte er einfach wegrennen. “Ich frage mich: Warum tut die Regierung nicht mehr für uns? Ich ärgere mich. Denn es ist leicht zu sagen, dass wir wegziehen sollen, um nicht zu sterben. Aber wir sind arm und können nicht einfach gehen und woanders arbeiten.”
“Wasteland”, fotografiert und gefilmt von den Fotojournalisten Brent Foster und Poul Madsen, ist eine Produktion des “Bombay Flying Club”. BFC sind der Kanadier Brent Foster und die Dänen Poul Madsen und Henrik Kastenskov.
Während seines Studiums an der Danish School of Journalism arbeitete Poul Madsen im Jahre 2005 für sechs Monate bei der Tageszeitung Indian Express in Mumbai. Er wohnte nahe der Landebahn des ältesten indischen Fliegerclubs “Bombay Flying Club” und berichtete regelmäßig von dort für die Lokalnachrichten. Kurz darauf gewann er einen nationalen Short-Documentary Film Award und gründete eine Produktionsfirma – der Name lag auf der Hand: “Bombay Flying Club Production House”.
Zusammen mit Henrik Kastenskov produzierte Poul Madsen 2006 seine erste Internetdokumentation über eine Welle von Selbstmorden in Belfast, Nordirland. Ihre Geschichte gewann bei “Best of Photojournalism” im selben Jahr den zweiten Platz. Die beiden Fotojournalisten entschieden sich, weiter gemeinsam zu arbeiten; bald darauf schloss sich Brent Foster dem Team an.
In ihren Arbeiten konzentrieren sie sich auf die Entwicklung von innovativen journalistischen Multimedia-Geschichten für das Web.
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